Abgeschlossene Teilprojekte
Das Teilprojekt befasste sich mit dem Interventionscharakter von Formen der Versammlung (Assembly) in der zeitgenössischen Kunst. Anhand von Filmvorführungen, Projekten im öffentlichen Raum und partizipativen Ausstellungsformaten wurde gefragt, inwieweit in solchen Praktiken Protokolle kommunikativen Handelns rekonfigurieren. Aus diesem Blickwinkel wurden die Dispositive der filmischen Séance, die Relationen zwischen Betrachter*innen verändern, als temporäre gemeinschaftsbildende Formen der Versammlung untersucht (UP 1). Im Globalen Süden ist dieser Aspekt umso virulenter, wie der Blick auf interventionistische Praktiken eines demokratischen Dialogs in den repressiven Kontexten lateinamerikanischer Militärdiktaturen deutlich gemacht hat (UP 2). Verhandlungen von Konsens und Dissens sind im Rekurs der Gegenwartskunst auf Formate der Versammlung wie Tribunale, Gerichtsverhandlungen, Talkshows oder Konferenzen in den Blick genommen worden, mit deren performativen Inszenierungen in soziale Ordnungen und Konventionen interveniert werden soll (UP 3). Insgesamt hat das Teilprojekt an, einen Begriff der Intervention konturiert, demzufolge künstlerische Formen der Versammlung durch alternative (Auf-)Teilungen von Raum und Zeit das Potential bieten, eine Verbindung mit anderen sozialen Kräften im politischen Erscheinungsraum (Hannah Arendt) herzustellen.
Teilprojektleitung
Prof. Dr. Eric H.C. de Bruyn (UP 1)
Wissenschaftliche Mitarbeit
João Gabriel Rizek (UP 2)
Luise Willer (UP 3)
Studentische Mitarbeit
Annika Böttcher (2024-2025)
Louison Jenkins (2025-2026)
Tobias Rosen (2022-2023)
Das Teilprojekt untersuchte Interventionen durch künstlerische Praktiken (Literatur, Graffiti, Theater) im öffentlichen Raum von Brasilien und Argentinien ab den 1920er Jahren. Ziel war eine postkoloniale Situierung des Interventionsbegriffs in den beiden Untersuchungsräumen und -feldern. Dabei ging das Forschungsvorhaben von der These aus, dass diese Praktiken als postautonome Interventionen zu verstehen sind, die die Begriffsgeschichte der ‚Intervention‘ in Lateinamerika kritisch in den Blick nehmen, weil dieser sozio-politisch das Handeln der Militärdiktaturen evoziert. Das Projekt war in drei Unterprojekte gegliedert: UP 2 untersuchte die einschreibenden Praktiken von Graffiti im öffentlichen Raum, um das Konzept der Postautonomie auf der Grundlage dieser bislang noch nicht ausreichend untersuchten postkolonialen Interventionspraktiken zu vertiefen. UP 3 untersuchte mit einer intersektionalen Fragestellung Ausprägungen weiblichen Schreibens als Modus künstlerischer Intervention in Lateinamerika. UP 1 stellte diese Arbeiten in einen größeren historischen Kontext, indem es künstlerische Interventionen von der Geschichte künstlerischen Widerstands her begriff.
Teilprojektleitung
Jun.-Prof. Dr. Mariana Maia Simoni (UP 1)
Prof. Dr. Susanne Zepp-Zwirner (UP 1)
Wissenschaftliche Mitarbeit
Maëlle Karl (UP 2)
Kaimé Guerrero Valencia (UP 3)
Studentische Mitarbeit
Janaina Magalhães Pessoa
Das Teilprojekt fragte, vor allem an Beispielen der deutsch-deutschen Geschichte seit 1945, nach politisch-sozialen Konstellationen und diskursiven Mustern von Intervention in den bildenden Künsten und deren Veränderung im historischen Kontext. Welche Resonanz erwartet eine Gesellschaft von den Künsten und welche Resonanz wollen die Künste bzw. die Künstler*innen erzeugen? Wie und aus welchen Motiven heraus agieren Künstler*innen, die solche Resonanzerzeugung verweigern, und wie werden sie rezipiert? In welchen Öffentlichkeiten findet diese Resonanzerzeugung statt? In drei Unterprojekten wurden diese Fragen nach Interventionscharakter und Öffentlichkeitspotential von künstlerischer Arbeit akteurszentriert operationalisiert:
UP 1 untersuchte exemplarisch Modi, Wirksamkeit und Selbstverständnisse künstlerischer Intervention in Politik seit den 1970er Jahren, in der Bundesrepublik und anderen westlichen Gesellschaften. UP 2 widmete sich in deutsch-deutscher Perspektive der Teilhabe und Ausgrenzung auf dem Kunst- bzw. Auftragsmarkt. UP 3 untersuchte am Beispiel westdeutscher Kunstvereine, welche Widerstände es politisch wie ästhetisch gegen die seit dem Ende der 1950er Jahre einsetzende Politisierung der bildenden Künste gab.
Teilprojektleitung
Prof. Dr. Paul Nolte (UP 1)
Wissenschaftliche Mitarbeit
Norma Ladewig (UP 2)
Theresa Angenlahr (UP 3)
Marla Heid (UP 2, 2023-2024)
Studentische Mitarbeit
Benedikt Kendler
Das Projekt untersuchte anhand der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts literarische und publizistische Schreibinterventionen, bei denen der Anspruch auf gesellschaftsverändernden Eingriff mit einer Reflexion und Revision des künstlerischen Formenrepertoires verbunden ist. Ausgehend von Veränderungen der industriellen Arbeitswelt, die in der Weimarer Republik zu einer Grundsatzreflexion über den gesellschaftlichen (Stand-)Ort der Literatur führen, und im Anschluss an die historische Avantgarde entfaltet die Literatur zwischen 1930 und 1970 eine neuartige Dynamik der Intervention. Durch Kritik am Bestehenden und alternative Entwürfe zielen die Interventionen im transitiven Sinn auf die aktive Umgestaltung der Arbeitswelt und auf grundlegende Veränderungen der Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Literatur. Zugleich durchläuft das ästhetisch tradierte Formenrepertoire der Literatur im intransitiven Sinn durch Revision bisheriger Darstellungsformen und durch Hinwendung zu kollektiven Praktiken und dokumentarischen Verfahren eine Transformation. Das Teilprojekt analysierte Konzepte proletarisch-revolutionärer Literatur in der Endphase der Weimarer Republik (UP 1), kulturpolitisch verordnete Schreibinterventionen in der DDR-Literatur (UP 2) sowie Formen dokumentarischen Schreibens im Kontext der 1968er-Bewegung der alten Bundesrepublik (UP 3).
Teilprojektleitung
Prof. Dr. Jürgen Brokoff (UP 2)
Wissenschaftliche Mitarbeit
Djordje Kandic (UP 3, 2025-2026)
Dr. Andree Michaelis-König (UP 1, 2023-2024)
Henning Podulski (UP 3, 2022-2025)
Dr. Andrea Schütte (UP 1)
Jana Maria Weiß (2022)
Studentische Mitarbeit
Das kulturanthropologische Teilprojekt untersuchte museale, wissenschaftliche und künstlerische Ausstellungsorte aus ethnographischer und alltagskultureller Perspektive. Der Fokus lag auf der Frage, wie in kuratorischen Praktiken Zukünfte entworfen und modelliert, aber auch verworfen und abgelehnt werden. Es galt, Interventionen in ihrer temporalen Wirkungsweise zu untersuchen. Dabei wurde Intervenieren als kulturelle Praxis verstanden, die in etablierte Zeitstrukturen eingreift und sie verändern kann. Neuere Formate der Partizipation, Kuration und der Vermittlung wurden sowohl als Ausprägung vielfältiger kollaborative Formate als auch in ihren normativen, eventuell auch ausschließenden und mithin problematischen Wirkungsweisen untersucht. Die drei Unterprojekte nahmen unterschiedliche künstlerisch-kuratorische Lebens- und Arbeitswelten in den Blick, die auch personelle und projektbezogene Überschneidungen in der Berliner Ausstellungslandschaft haben. UP 1: Intervening Temporalities. Normative und explorative Zukünfte der Kochi-Muziris-Biennale; UP 2: Experimental Futures. Der MfN/HU-Wissenschaftscampus als Zukunftswerkstatt; UP 3: Collectiveness and Radical Futures. Shared Curatorship as Intervention.
Teilprojektleitung
Prof. Dr. Silvy Chakkalakal (UP 1)
Wissenschaftliche Mitarbeit
Sarah Elisa Etz (UP 2)
Hana Ćurak (UP 3)
Studentische Mitarbeit
Luca Schulte-Günne
Der Sonderforschungsbereich zeichnet sich durch eine (inter-)disziplinäre und materialreiche Untersuchung intervenierender Kunstpraktiken und Kunstformen aus. Dabei arbeiten die Teilprojekte nicht selten mit Künstler*innen und Kulturinstitutionen zusammen oder erproben selbst ästhetisch-experimentelle Formate als Teil ihrer Forschung.
Das Teilprojekt Reflexion untersuchte die kulturellen Logiken und Wirkungen kollaborativer Praktiken des SFB 1512 in ihren disziplinären und öffentlichkeitswirksamen Kontexten sowie nicht zuletzt in der interdisziplinären Dynamik eines Forschungsverbundes, dessen Forschungspartner*innen häufig dem Kunstfeld zugehören. Dabei ist die Analyse der Zusammenhänge von Wissenschaften, Künsten und Öffentlichkeiten unerlässlich. Die Arbeit des Teilprojekts Reflexion wird in der zweiten Laufzeit im Teilprojekt Öffentlichkeiten und Wissenschaftskommunikation fortgeführt.
Teilprojektleitung
Wissenschaftliche Mitarbeit
Studentische Mitarbeit
Franziska Kuhn (2022-2025)