B04 Aneignen – Bearbeiten – Weiterverbreiten: Memetische und medienkünstlerische Interventionen in Online-Kulturen
Die für Area B: Unterbrechen – Bewegen zentrale Frage nach den Dynamiken künstlerischer Interventionen hat das Teilprojekt in der ersten Förderphase (2022-2026) anhand von Memes untersucht und gezeigt, wie diese in gesellschaftliche Aushandlungen eingreifen (s.a. die Projekt-Website memecultures.de). Meme-Kulturen erwiesen sich als expansives Feld mit Durchlässigkeit zu anderen kreativen Online- und Aneignungspraktiken. Ihre protokünstlerischen Verfahren sind mit Produktionsweisen der Post-Internet-Art sowie des Found-Footage- und Essayfilms verflochten, die deshalb in der zweiten Laufzeit einbezogen werden. Neu ist überdies, dass der Fokus nun auf Memes und postdigitalen Praktiken liegt, die auf eine Kritik am Plattformkapitalismus abzielen – dessen Daten- und Aufmerksamkeitsökonomie sie jedoch zugleich bedienen. Mit der Analyse dieses Widerspruchs reagiert das TP auf einen zentralen Befund der ersten Laufzeit: Ihre infrastrukturell bedingte ‚Komplizenschaft‘ wird in Meme-Kulturen kaum reflektiert, denn die Ethik und Ästhetik des Selbstgemachten sorgt dafür, dass Meme-Produktion trotz Kommerzialisierung und Veralltäglichung durch digitale Tools weiter als subkulturelle Praxis gilt.
In der zweiten Förderphase (2026-2029) rückt deshalb die Untersuchung von stärker reflexiven Aneignungsverfahren in den Vordergrund, die in memetische Routinen der Online-Kultur und deren implizite Politiken eingreifen. Im Zentrum stehen postdigitale Praktiken, die wie Memes mit der netzbasierten Verfügbarkeit audiovisuellen Materials arbeiten, dabei jedoch ihre eigene Infrastruktur als Dispositiv der Aneignung von Daten, Arbeit und Affekten problematisieren. Dies wirft die Frage nach dem Interventionspotential künstlerischer Aneignung unter den Bedingungen des Plattformkapitalismus auf: Lassen sich solche Praktiken weiterhin als ‚kritisch‘ betrachten, wenn Aneignen, Bearbeiten und Weiterverbreiten online zur Norm geworden ist? Anhand exemplarischer Memes, Medienkunst und Videoessays untersucht das TP postdigitale Verfahren, die das Ineinandergreifen von Partizipation und Extraktion sichtbar machen – und ihre Aporien.
UP 1 richtet den Fokus auf Memes und memetische Praktiken, die sich mit den plattformkapitalistischen Bedingungen ihrer hybriden Agency auseinandersetzen, während UP 2 audiovisuelle Praktiken der Aneignung in und von Online-Kulturen untersucht, die teils im Kunstsystem, teils im Filmbereich angesiedelt sind.
Teilprojektleitung
Prof. Dr. Brigitte Weingart (UP 1)
Wissenschaftliche Mitarbeit
Dr. Elena Meilicke (UP 2)