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Crushing the Canon*? – Interventionen im Staatsballett

Welcome and intro to Crushing the Canon*?

Welcome and intro to Crushing the Canon*?
Image Credit: Tonina Matamalas

Warm-up

Warm-up
Image Credit: Tonina Matamalas

Diskussion

Diskussion
Image Credit: Tonina Matamalas

Diskussion

Diskussion
Image Credit: Tonina Matamalas

Get together

Get together
Image Credit: Tonina Matamalas

Von Friederike Hartge und Alina Saggerer

Kanons, Kanoi – oder doch Kanone? Das Wort „Kanon“ benennt ein Ensemble von Werken. Zumeist im Singular gesetzt, ist nicht sofort klar, dass der Begriff auch einen Plural besitzt. Tatsächlich gibt es zwei Möglichkeiten: Kanons oder Kanones. Auch im Tanz wird der Begriff im Singular verwendet. Gerade im klassischen akademischen Tanz, dem Ballett, wird mit Kanon ein Repertoire bestimmt mit dem viele Assoziationen verbunden sind: Schwanensee, Der Nussknacker, Giselle.

Aber von wem oder was wird der Kanon festgelegt? Warum findet der Plural keine Anwendung in der Geschichte der Tanzkunst und -kultur? Welche Stereotype und Diskriminierungen prägen ihn und nicht zuletzt: Wie kann Kritik an Kanonisierungsprozessen geübt werden?

Um diese und weitere Fragen nicht ausschließlich im akademischen Kreis zu diskutieren, kuratierten neun Student:innen des Masters Tanzwissenschaft während des Wintersemesters 2022/2023 an der Freien Universität Berlin im Rahmen der Lehrveranstaltung „crushing the canon. Intervenierende Formate, Medien und narrative der performativen Künste“ der Tanzwissenschaftlerin Dr. Mariama Diagne das Gesprächsformat „Crushing the Canon*?“ am 24. Januar 2023 im Staatsballett Berlin. Der Titel zitiert die Tanzschaffende Olivia Hyunsin Kim. Diese entwickelte 2022 am Tanzhaus NRW im Rahmen des Festivals „Volume Up II“, das Format „Crushing the Canon“. Hier widmeten sich Gäst:innen mit Performances, Lectures und in Diskussionskreisen der Frage, welche Körper Gesellschaft auf der Bühne repräsentieren dürfen. Auf diese Weise kamen professionelle Tänzer:innen und Gäst:innen miteinander in einen Austausch.

In Kooperation mit dem Sonderforschungsbereich 1512 „Intervenierende Künste“ luden die Student:innen mit ihrer Dozentin vier Gäst:innen dazu ein, am Staatsballett Berlin den Status von Kanon und Repertoire im Tanz zu diskutieren. Zur Vorbereitung des Abends trafen sich die Organisator:innen mit Olivia Hyunsin Kim, beschäftigten sich mit ihren Arbeiten sowie mit denen der Choreografin und Tanzwissenschaftlerin Angela Alves und besuchten das Staatsballett Berlin, um die Räumlichkeiten kennenzulernen und mit den Initiatorinnen der Reihe über das besondere Konzept des Abends zu sprechen. Auch die verschiedenen Partizipationsformen des Abends, wie das Warm-up zu Beginn, wurden bereits im Seminar erprobt.

Das „Crushing“ sollte zwei Interpretationsmöglichkeiten eröffnen: einen heftigen Zusammenstoß mit dem traditionellen Kanon, der entweder seine Vernichtung oder Zerteilung in mehrere Bruchstücke zur Folge hat, sowie die Wirkung leidenschaftlicher Anziehungskraft, die der Kanon auf die Menschen haben kann. Der Kanon soll nicht abgeschafft werden.

Anlässlich der Rassismusvorwürfe der Tänzerin Chloé Lopes Gomes gegen das Staatsballett Anfang 2021, rief das Haus die Gesprächsreihe „Ballet for future? Wir müssen reden!” ins Leben. Mit dem Publikum, aber auch darüber hinaus, sollte in diesem Rahmen über Fragen rund um Diskriminierung, Repertoire, Ausbildung etc. diskutieren werden. Im Zuge der Aufarbeitung des Vorfalls – Lopes Gomes und das Staatsballett einigten sich vor Gericht auf einen Vergleich – wurde auch das Repertoire untersucht. Dies führte dazu, dass sich die kommissarische Intendantin des Staatsballetts Berlin, Dr. Christiane Theobald, Ende 2021 dafür entschied, den Nussknacker aufgrund der Reproduktion ethnischer Stereotype aus dem Programm zu streichen. Der Aufschrei war groß, Vorwürfe von ‘cancel culture’ wurden laut. Doch hatte Theobald sich nicht explizit gegen den Nussknacker, sondern gegen eine spezifische Inszenierung – die Rekonstruktion der Originalinszenierung von 1892 – entschieden. Teil dieser Rekonstruktion war die Darstellung des „arabischen“ und des „chinesischen Tanzes“, die den damals üblichen, von der imperialistischen Gesellschaft geprägten Vorstellungen entspringt.

Umso dringlicher wurde das Anliegen, sich mit Kanonisierungsprozessen und der Kritik daran zu beschäftigen und diese Beschäftigung nicht nur intern auszurichten, sondern auch mit der Öffentlichkeit, vor allem mit dem eigenen (Stamm-)Publikum zu teilen.

Über 60 Personen waren der Einladung zu „Crushing the Canon*?“ ins Foyer de la danse gefolgt. Den Teilnehmer:innen wurde die Möglichkeit gegeben, Fragen zu stellen, die eigenen Positionen zum Kanon-Thema zu formulieren oder ihre Gedanken auf ausgelegten Zetteln festzuhalten. Das Format hatte keinen Anspruch auf Abgeschlossenheit oder darauf, Antworten finden zu müssen. Es ging darum, einen Austausch anzuregen. Statt die einen reden und die anderen zuhören zu lassen, sollte das klassische Gesprächsformat aufgebrochen werden – die Stimmen der Besucher:innen sollten zentraler Bestandteil der Veranstaltung sein. Um den Abend visuell festzuhalten, fertigte Tonina Matamalas, die sich mit Körperdarstellungen und -wahrnehmungen in der LGBTQ+-Community künstlerisch auseinandersetzt, simultan ein Graphic Recording an, welches einen besonderen wie sensiblen Fokus auf die anwesenden Körper legte. Der Abend wurde zudem von beteiligten Studentinnen in einem Artikel in „der Freitag“ (im Bezahlbereich) sowie durch einen Podcast von Seiten des Staatsballetts (auf YouTube) festgehalten.

Nach einem kurzen physischen Warm-up zu dem alle Teilnehmer:innen eingeladen waren, verteilte sich das Publikum auf vier gemütliche Sitzkreise, denen jeweils ein:e Gäst:in zugeteilt war.

So erzählte Pauline Voisard, Tänzerin im Corps de ballet und Choreografin, von Stereotypen der Unterwürfigkeit und Geschlechterklischees im klassischen Ballett und von der harten Arbeit, die der Illusion von Leichtigkeit auf der Bühne zugrunde liegt. Olivia Hyunsin Kim, die sich mit Autor:innenschaft, multiplen Erzählweisen und der koreanischen Diaspora beschäftigt, kritisierte die fehlende Diversität nicht nur auf der Bühne, sondern auch in den Führungspositionen der großen Häuser.

Nach einem Wechsel der Gäst:innen folgte eine zweite Gesprächsrunde, sodass alle Kreise sich sowohl mit einer Person vom Staatsballett als auch mit einer Person aus der freien Szene unterhalten konnten. Abschließend gab es eine Diskussion mit den vier Gäst:innen, zwei Moderatorinnen und dem Publikum.

Insbesondere das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Tanzszenen erwies sich als produktiv. So stellte beispielsweise die Performerin Angela Alves, die sich in ihren Arbeiten mit den Themen Zugänglichkeit, unterschiedlichen Fähigkeiten von Körpern und mit ihrer eigenen körperlichen Erkrankung, der multiplen Sklerose auseinandersetzt, fest, wie verschieden Sehgewohnheiten sein können: „Für mich ist Schwanensee die Freakshow“ – und eben nicht die Norm.

Im klassischen Ballett geht es zumeist um Originalinszenierungen und stereotype Darstellungen. Infolgedessen werden Tänzer:innen mit dem Ziel ausgebildet, sich einer physischen Uniformität anzunähern. Die freie Tanzszene hingegen kann diese Perfektion der Körperausbildung in Frage stellen und die Unterschiedlichkeit der Körper mit diversen Fähigkeiten und Hintergründen beleuchten. Es geht in der zeitgenössischen Ausbildung und künstlerischen Praxis auch darum, Repräsentationsräume für diejenigen zu schaffen, die auf Bühnen unsichtbar oder zum Klischee herabgewürdigt werden.

Entsprechend unterscheiden sich auch die Erwartungen der Zuschauer:innen in Freier Szene und Ballett. In der Diskussion merkten einige Menschen aus dem Publikum an, dass das traditionelle Publikum im Ballett staunen und in Ehrfurcht versetzt werden möchte. Damit einher geht der Wunsch nach klassischen Erzählweisen, den meist märchenhaften Handlungen, die in eine andere Welt entführen. Dass diese häufig mit Stereotypen arbeiten, spielt in den Inszenierungen und der Beschäftigung mit ihnen bisher oft nur eine untergeordnete Rolle. Der Prinz als Retter oder das weibliche Corps de Ballet als übermenschliche Wesen – Schwäne oder Feen – sind als Figuren zur Tradition geworden und werden in der europäischen (Ballett-)Kultur über Generationen in ihrer Interpretation hinweg weitergegeben. Tradition verspricht gerade in krisenhaften Zeiten vielen Menschen ein Gefühl von Vertrautheit und Halt – auch im Tanz. Nicht umsonst erfreuen sich Ballett-Klassiker insbesondere am Jahresende großer Beliebtheit. Doch wie könnten zeitgemäße Inszenierungen dieser Werke aussehen?

Staatliche Häuser haben bereits begonnen, ihre Spielpläne mit zeitgenössischem Repertoire zu erweitern. Die physische Uniformität der Ballettensembles wird zunehmend infrage gestellt, kann allerdings nicht mit den Entwicklungen der freien Szene mithalten. In dieser finden regelmäßig Festivals wie 2022 das Volume Up statt, kuratiert von Olivia Hyunsin Kim, das marginalisierte und von Diskriminierung betroffene Personen und ihre Arbeiten in den Mittelpunkt stellte.

Was bedeutet es, den Kanon zu „crushen“, wenn er und auch sein Begriff nicht einfach abgeschafft werden sollen? Eine Pluralisierung des Begriffs kann eine Möglichkeit sein, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen, ohne ihn ganz abschaffen oder auflösen zu wollen.

Das Organisations- und Moderationsteams bestand aus: Tomke Behrmann, Lucy Van Cleef, Mariama Diagne, Dominik Feistmantl, Friederike Hartge, Ilaria Iannaccone, Jenny Mahla, Alina Saggerer, Regina Sigmund, Karoline Strys.