Sonderforschungsbereich 1512 Intervenierende Künste
Künste werden gegenwärtig vermehrt von Ansprüchen bestimmt, gesellschaftlich wirksam zu sein. Sie sind weltweit darauf ausgerichtet, soziale Prozesse zu verändern, in politische Konflikte einzugreifen und Öffentlichkeiten herzustellen. Künste involvieren sich in Kämpfe um globale Machtverhältnisse oder Menschenrechte, sie adressieren Krisen wie Klimawandel oder Pandemien und entwerfen neue Lebens- und Arbeitsformen. Intervenierende Künste bringen hervor, entfalten neue Formen der Aktivität und gehen nicht selten in aktivistische Formate über. Diese Tendenzen erfordern eine grundlegende Neubestimmung von Kunst als intervenierender Praxis.
An dem weltweiten Anspruch der Künste, gesellschaftlich wirksam zu sein, in globalen Krisen Präsenz zu zeigen und sich politischen Herausforderungen zu stellen, hat sich in den zurückliegenden Jahren nichts geändert. Im Gegenteil: Die (gewollte oder ungewollte) politische Involvierung der Künste ist im Zeichen von gewaltsamen Konflikten, zunehmenden repressiv-autoritären Regierungen und sich polarisierenden Öffentlichkeiten noch intensiver und dringlicher geworden. Wie ist das Intervenieren der Künste beschreibbar, und welche Auswirkungen hat es auf die Gesellschaft, auf einzelne soziale Gruppen, kulturelle Diskurse – und nicht zuletzt auf die Künste selbst und deren Konzeptualisierung? In der ersten Förderperiode (2022-2026) konnte der Sonderforschungsbereich (SFB) die Praktiken und Poetiken des Intervenierens für verschiedene Künste und Untersuchungsfelder herausarbeiten und dabei wichtige Differenzierungen aufzeigen. In diesen Untersuchungen ergab sich der Eindruck, dass die Wirksamkeit oder der ‚Erfolg‘ dieser Praktiken mindestens so stark von materiellen Ressourcen, Rahmenbedingungen und Infrastrukturen abhängig ist wie von vorgängigen Programmen und Entwürfen. Deshalb soll sich die Aufmerksamkeit des SFB in der beantragten zweiten Förderperiode (2026-2029) auf intervenierende Praktiken in ihrer Beziehung zu Rahmenbedingungen und Infrastrukturen verlagern. Was sind die Rahmenbedingungen eines wirksamen ‚Dazwischentretens‘ oder ‚Dazwischenkommens‘ künstlerischer Praktiken auf heterogenen gesellschaftlichen Konfliktfeldern? Wie machen diese Praktiken von situativ vorhandenen Infrastrukturen Gebrauch und wie können sie im eigenen Vollzug neue Infrastrukturen hervorbringen? Die jeweils mobilisierten Ressourcen und Strukturen sind ein Schlüssel zum genaueren Verständnis der Wirksamkeiten, aber auch der Limitierungen von Interventionen der Künste.
Der SFB vereinigt künstebezogene Disziplinen mit Philosophie, Geschichte und Soziologie. Er ist an der Freien Universität Berlin angesiedelt und kooperiert mit der Universität der Künste Berlin, der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder) und der Leuphana Universität Lüneburg.